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Katharina Neubacher

Burn out – Wenn Pflegeeltern (aus-)brennen

„Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem“ oder doch?!

Auch wenn der Begriff des „Burn out“ bereits Anfang der 70er Jahre durch den Psychoanalytiker Herbert Freudenberger eingeführt wurde, so ist das Burn out Syndrom dennoch bis heute keine eindeutig anerkannte und durch die WHO klassifizierte Krankheit. Doch wer an den Symptomen laboriert und ihnen über einen langen Zeitraum keine Beachtung schenkt, für denjenigen können die Folgen unter Umständen sowohl psychosozial als auch gesundheitlich katastrophal sein.

Burn out kann jedermann in jedem Berufsbereich treffen, allerdings gelten damals in den 70igern wie heute u. a. Pflegepersonal. Ärzte, Therapeuten, Lehrer/Erzieher, sowie Frauen mit Doppelbelastung zu den am häufigsten gefährdeten.

Für viele Frauen ist es heutzutage eine ziemliche Gratwanderung, Beruf, Partnerschaft, Kinder, Haushalt unter einen Hut zu bringen. Für Pflegemütter kommt erschwerend hinzu, dass es zum einen nicht die eigenen Kinder sind und zum anderen stellen diese Kinder aufgrund ihrer jeweiligen speziellen Herkunftsgeschichte oft mit multiplen Beziehungserfahrungen, Vernachlässigung, Misshandlung, Traumatisierung besondere Anforderungen an das Mutter/Eltern-sein, denen nicht mit 08/15 Erziehungsmustern, die bei den eigenen Kindern vielleicht gut funktioniert haben, begegnet werden kann und bevor man „08/15“ anwenden kann, müssen vorher viele viele kleine Schritte gegangen werden.

Eine Vielzahl von Pflegeeltern brennt geradezu, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen; seine Leiden zu lindern, ihm Liebe und ein liebevolles Zuhause zu geben, seine intellektuellen Fähigkeiten zu fördern, es wieder sozial zu integrieren und schließlich auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten, eine hohe Erwartung an das eigene Elternsein, es auf jeden Fall besser zu machen, als all die anderen bisher im Leben dieses Kindes.

Doch der Weg ist oft beschwerlich. Diese Kinder zeigen häufig sehr spezielle Verhaltensweisen, auf die eingegangen werden muss oder Pflegeeltern - meistens sind ja die Mütter die ersten Ansprechpartner -, erhalten Druck von außen, Familienmitgliedern, Freunden, Nachbarn, Kindergarten, Schule, dem Jugendamt und der Herkunftsfamilie. Es sind soviel mehr Personen bei einem Pflegekind beteiligt als bei den eigenen.

Eine idealistische Begeisterung für das Pflegekind, das Gefühl der Unentbehrlichkeit, die Verleugnung eigener Bedürfnisse, eine überzogene Erwartung an sich selbst, es anderen (Familie, Beruf etc.) immer recht machen zu wollen, kann unter Umständen den Beginn des Burn out Prozesses einläuten. Burn out passiert nicht von jetzt auf gleich, es ist ein Prozess, der z. T. viele Jahre dauert und um so länger er dauert, um so schwieriger ist auch die Umkehr bzw. es dauert genauso lange aus dem Burn out wieder herauszukommen. Eine Spontan-Heilung ist so gut wie ausgeschlossen.


Verlauf eines Burn out

Wie schon erwähnt, ist das Ausbrennen ein Prozess, der sich in Phasen unterteilen lässt, wobei nicht jede Phase/jedes Symptom auftreten muss, es können auch Phasen übersprungen werden.

Burn out Verlaufsmodell (in Anlehnung an Burisch und Jörg-Peter Schröder)

  • 1. Idealistische Begeisterung – vermehrtes Engagement
  • 2. Rückzug – Gefühl der Ernüchterung
    Gefühl mangelnder Anerkennung, private Probleme nehmen zu
  • 3. Emotionale Reaktion
    innere Leere, Schuldzuweisung, verringerte Belastbarkeit
  • 4. Abbau
    Konzentration, Desorganisation, Motivation, Initiative Fantasie
  • 5. Verflachung – Desinteresse, Gleichgültigkeit
  • 6. Psychosomatische Reaktion
    Schlafstörungen, Herzklopfen, Muskelverspannung,
    Anfälligkeit für Infekte, Rücken-/Kopfschmerzen,
    Übelkeit, Verdauungsprobleme
    vermehrter Konsum von Kaffee, Alkohol, Tabak
    Sexualprobleme
  • 7. Verzweiflung
    Gefühl der Hilflosigkeit
    Sinnlosigkeit bis hin zu Suizidgedanken


Es sind nicht immer die großen Probleme, die Burn out begünstigen, sondern es sind oftmals die kleinen, alltäglichen Dinge, nach dem Motto: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“

Wie oft hört eine (Pflege)-Mutter von ihren Kindern oder dem Partner? „Toll, wie glänzend die Fenster heute wieder aussehen; Perfekt. wie die Wäsche gebügelt ist“ etc. Es sind die Routinetätigkeiten ohne persönliche Weiterentwicklung und Anerkennung oder die mangelnde Unterstützung, Druck und Hektik, Stress in der Partnerschaft bzw. in der Familie, Spagat zwischen Beruf und Familie, zu wenig Rückzugsmöglichkeiten und Ruhezeiten, Gelegenheit in sich zu gehen; all das ebnet Burn out den Weg.

Verleugnungs- und Verdrängungsmechanismen verhindern oft eine schnelle Umkehr aus der Burn out Spirale.


Wie fühlen Sie sich in der Zukunft, wenn sie so weitermachen wie bisher?

Auch wenn für manch einen ein 24-Stunden Tag noch zu kurz erscheinen mag, so kann dennoch nur die gestresste Person selbst für Abhilfe und vorbeugende Maßnahmen sorgen. Das oberste Gebot heißt Achtsamkeit. Seien Sie achtsam mit sich selbst. Hören Sie auf ihre körperlichen Signale und emotionalen Bedürfnisse, gönnen Sie sich öfter mal kleinere Pausen, delegieren Sie einige Ihrer Arbeiten –  es muss nicht immer alles perfekt sein – machen Sie sich Ihre Reaktionsmuster  bewusst. Auch Routineaufgaben im Haushalt können bewusst ausgeführt werden; noch schnell mal Bügeln, Treppe putzen, Staubsaugen etc., das kennen sicherlich viele von uns und die meisten werden es rein mechanisch tun ohne groß darüber nachzudenken und dennoch sind es Tätigkeiten, die etwas mit uns zu tun haben.

Achten Sie beim nächsten Hausputz oder Hilfe bei den Hausaufgaben Ihrer Kinder doch einfach mal, was dabei bei Ihnen körperlich wie emotional vor sich geht. Spüren Sie so oft es geht Ihrem Atem nach. Vielen Menschen fällt es schwer, einfach umzuschalten, dann hilft Ihnen vielleicht das Erlernen einer Meditationstechnik oder Sie machen sich die 7 Prinzipien der Achtsamkeit (nach Jon Kabat-Zinn) zu eigen:

  • 1. Nicht beurteilen
    lediglich beobachten, ohne zu bewerten, festzuhalten oder in welcher Form auch immer auf etwas zu reagieren
  • 2. Geduld
    jedes Ding hat seine eigene Zeit
  • 3. Den Geist des Anfängers bewahren
    die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten
  • 4. Vertrauen
    den eigenen Fähigkeiten vertrauen
    Vertrauen in die Signale des eigenen Körpers
  • 5. Nicht-Greifen
    Meditation ist aktives Nicht-Tun
    Gedanken und Gegebenheit ziehen lassen
  • 6. Akzeptanz
    bewusstes Annehmen der Situation (keine Opferrolle)
    offen und empfänglich sein
  • 7. Loslassen
    Raum geben für Bewegung, Entfaltung, Veränderung

Für welche Art Auszeit von der Zeit Sie sich auch entscheiden mögen, es ist nie zu spät und nicht nur Sie, sondern auch Ihre Mitmenschen werden von Ihrem veränderten Verhalten profitieren. Bei bereits schwerwiegenden auftretenden Burn out Symptomen sollte professionelle Hilfe durch einen Arzt, Therapeuten oder Berater erfolgen.

Alles, was wir für uns selbst tun, tun wir auch für andere, und alles, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.
(Thich Nhat Hanh, Heute achtsam leben)




Autor des Artikels und inhaltlich verantwortlich:
Katharina Neubacher

Datum des Eintrags: 07.04.11  

Fachbeiträge sind von dem Autor verfasst und unterliegen dem Urheberrecht.


















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Kommentare

Lothar 13-04-11 09:38
Herzlichen Glückwunsch zu diesem sachlich und fachlich gut recherchierten Artikel, der endlich auch einmal Informationen enthält, die den Patienten in Arztpraxen und Kliniken sonst, vorenthalten werden, mit verheerenden Folgen für die emotionale und psychische Genesung. Der Fachbeitrag vermittelt Erkenntnisse, die aus meiner eigenen Praxis als Therapeut nur bestätigen kann!
Wünsche weiterhin guten Erfolg!

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